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Stress in der Tierarztpraxis – Teil 1: Stressmanagement?

Stress In Der Tierarztpraxis – Teil 1: Stressmanagement?

erschienen im VeterinärSpiegel 2017, Ausgabe 4, S. 164-167

Andauernde Gefühle von Stress (ob selbst verursacht oder von außen „auferlegt“) und das Arbeiten unter Zeit- und Leistungsdruck machen krank. Man hat das Gefühl, man kommt nicht mit der Erledigung der Aufgaben hinterher. Es beginnt mit mehr Kaffee, Energy-Drinks, weniger Schlaf und mündet in Phasen der Verzweiflung oder Blackout. Mit diesen Empfindungen werden nicht nur praktizierende Tierärzte während ihrer beruflichen Laufbahn konfrontiert. Auch Veterinärmedizinstudierende erfahren bereits früh, was es heißt, unter Stress zu arbeiten.

 

Umgang mit Stress in der Tiermedizin

Der Anspruch an die tierärztliche Leistung und an die Personen, der hinter der Profession des Tierarztes stecken, ist durch vielfältige Veränderungen in der „Tierhalterwelt“ so hoch wie nie zuvor. Neue Unternehmen sprießen sprichwörtlich aus dem Boden, um dem modernen Tierhalter einen noch ausgefalleneren oder individuelleren Service für das eigene Haustier bieten zu können. Ob in der Gesundheitsüberwachung, der bedarfsgerechten Ernährung oder dem gemeinsamen Urlaub. Ob der Aufbau von Konkurrenzmärkten, die keine tierärztliche Approbation erfordern, oder die gängigen „Kosten-Diskussionen“ mit Patientenbesitzern: Dass all diese Faktoren neben dem ohnehin stressigen Arbeitsalltag eine deutliche Belastung darstellen können, liegt vermutlich auf der Hand.

Die Reaktionen auf stressige Situationen fallen nicht nur individuell, sondern auch situationsbedingt unterschiedlich aus. Der Eine behauptet, er könne unter „Stress“ effektiver arbeiten, der Nächste sitzt nach einem 12-Stunden-Dienst erschöpft in der Ecke und fragt sich, wie er noch so einen Tag überstehen soll. Auch Dauerstress führt zu unterschiedlichen Reaktionen: Der Eine fällt in eine Lethargie, der Andere in ungerichteten Aktionismus. Der Eine gesteht sich ein, dass es so nicht weitergehen kann, der Andere rennt blind weiter bis zum Umfallen.

Fakt ist: Man könnte viele krankheitsbedingte Ausfälle verhindern, würde man mehr präventive Maßnahmen einführen. Dazu gehören nicht nur das Einhalten von (gesetzlich) geregelten Arbeits- und Ruhezeiten, sondern auch Aspekte wie Wertschätzung, eine gute Kommunikation und das Zugestehen von Pausen (die leider noch immer als „Schwäche“ bewertet werden).

Wer somit effektiv, erfolgreich, motiviert und langfristig diesen Beruf ausüben möchte, sollte den Blick einmal von seinen Patientenbesitzern abwenden und auf sich selbst schauen. Denn diese „Ich-bezogene-Aufmerksamkeit“ und das Nehmen von Auszeiten sind die Basis für eine gute tierärztliche Arbeit. Wer gestresst und übellaunig ist, kann weder gute Diagnosen stellen, noch eine dauerhafte Kundenzufriedenheit aufbauen.

Stressmanagement

Wie kann man Stress „managen“, wenn man keinen Einfluss auf externe Gegebenheiten hat? Zum Beispiel darauf, wie viele Patientenbesitzer die Praxis betreten oder nachts anrufen? Oder man wieder mit Patientenbesitzern über die Tabletteneingabe für den Hund oder die Abrechnung von Leistungen diskutieren muss? Oder sich der Pferdebesitzer beschwert, dass er 30 Minuten im Stall warten musste?…
Wie kann man mit Stressgefühlen umgehen, die entstehen, wenn die Wut nach schlechten Bewertungen in Onlineportalen, spontanen Kündigung von Mitarbeitern oder sonstigen Ausfällen abgeklungen ist? Wenn man plötzlich vor einem Berg voller Gefühle der Frustration, Angst und Verzweiflung steht?

Um eines vorweg zu nehmen: Es gibt kein „Patentrezept“ gegen Stress. Jeder muss selbst Wege finden, die funktionieren. Und dies erfährt man nur nach dem Trial-and-Error-Prinzip. Das eine hat super geholfen, das andere überhaupt nicht. Nur eines sollten Sie nie: stehen bleiben.

Umgang mit „externen Stressfaktoren“

Sowohl im beruflichen als auch im privaten Leben können Dinge passieren, die man nicht beeinflussen kann. Was Sie aber beeinflussen können, ist, wie Sie darauf reagieren.

Und darum geht es unter anderem beim Stressmanagement: um die persönliche Einstellung zu Dingen, die man nicht ändern kann.
Eine Akzeptanz dieser unveränderlichen Situationen hat nichts mit Resignation zu tun. Sondern eher mit Resilienz: mit Zuversicht, mit Selbsteinschätzung und Selbstwirksamkeit sowie natürlich Selbstvertrauen. Es geht darum, seine persönliche Energie in Aufgaben und Gedanken zu investieren, die lösungsorientiert sind, anstelle sich seinem Ärger, seinem Frust und damit einer Opferrolle hinzugeben. Denn dies ist pure Zeit- und Ressourcenverschwendung. Und von Zeit haben wir ja bekanntlich nicht sehr viel… Im Gegensatz zu den Ressourcen. Aber diese muss man manchmal erst „aufspüren“. Dazu später mehr.

Wie kann man Resilienz entwickeln und was bedeutet dies überhaupt? In der Definition nach Brockhaus bezeichnet Resilienz „die psychische Widerstandsfähigkeit von Menschen, die es ermöglicht, selbst widrigste Lebenssituationen und hohe Belastungen ohne nachhaltige psychische Schäden zu bewältigen.“

In der Literatur (oder bei Dr. Google) werden Sie einige Versionen und „Bausteine“ der Resilienz finden. Ich beziehe mich hier auf sieben Resilienzfaktoren, angelehnt an Reivich u. Shatté. Diese wären Optimismus, Selbstwirksamkeit, Kausalanalyse, Empathie, Emotionssteuerung, Impulskontrolle und Zielorientierung.

Folgend möchte ich die einzelnen Faktoren erläutern:

  • Optimismus
    Vermutlich ein Begriff für jeden. Hier geht es aber um realistischen Optimismus und nicht um das Tragen einer „Rosa Brille“. Leben wir im Dauerstress, so fällt es uns irgendwann sehr schwer, die guten und positiven Seiten in Situationen zu erkennen. Wir nehmen eher Kritik wahr als Lob. In diesen Situationen hilft es explizit sich klar zu machen, welche guten Seiten vielleicht auch negative Erlebnisse haben oder haben könnten. Dies ist die Art des Optimismus, der gemeint ist.
  • Selbstwirksamkeit
    Ja! Ich schaffe das! – Ob es der Anfangsassistent ist, der seine erste Hündin alleine kastriert, die ersten schweren Wochen und Monate nach einer Praxiseröffnung oder das Überstehen schwieriger Phasen in der Selbstständigkeit. Mit jeder Situation, welche Sie erfolgreich meistern, trainieren Sie Ihre Selbstwirksamkeit, denn dann wissen Sie: Das habe ich schon einmal geschafft, das schaffe ich wieder!
  • Kausalanalyse
    Ein gern vernachlässigter Punkt. Auch kein einfacher Faktor, denn er erfordert ein gewisses Maß an Objektivität. Er beinhaltet, dass man sich ganz konkret mit dem „Warum“ beschäftigt: Welche ursächlichen Zusammenhänge haben zu dieser oder jener Situation geführt? Warum ist etwas passiert, dass mir oder vielleicht auch anderen geschadet hat? Wie kann ich das ein nächstes Mal vermeiden?
  • Empathie
    Was denken oder fühlen meine Patientenbesitzer? Warum gibt es Zickereien im Team? Weswegen hat mich mein Chef gerade so angebrüllt? Lag es an mir, oder steckt hinter dieser Emotionalität vielleicht mehr? – Die Fähigkeit, sich in die Gefühlswelt anderer Menschen hineinzuversetzen ist ein wesentlicher Aspekt der tierärztlichen Tätigkeit. Dies gilt nicht nur im Rahmen der Kundenbindung, sondern auch für den Zusammenhalt im Team.
  • Emotionssteuerung
    Es klingt etwas abwegig: Die „Steuerung“ von Emotionen. Man könnte vielleicht auch von einem „Umlenken“ sprechen. Dem Umlenken von negativen Gefühlen in Gefühle, die angenehmer wenn nicht gar positiv sind. Das bedeutet nicht, dass Menschen, die ihre Emotionen gut steuern können, keine negativen Gefühle mehr haben oder sich nicht über andere Menschen ärgern. Aber man lernt, diesen Ärger schneller „abzuschütteln“. Es geht eher darum, sich selbst zu sagen: „Ich möchte glücklich sein. Ich möchte mich wohlfühlen.“
  • Impulskontrolle
    Dieser Begriff ist vielleicht leichter zu verstehen, wenn man den Begriff der „Impulskontrollstörung“ beschreibt: Nägel kauen, Frust-Shopping, Spielsucht bis hin zur Selbstverletzung oder Bulimia nervosa. Es geht um Ungeduld, um ein Handeln ohne Überlegung. Im Umkehrschluss geht es bei der Impulskontrolle darum, Affekte zu kontrollieren oder umzulenken. Statt einem Wutanfall wird eine Atemübung trainiert – überspitzt gesagt.
  • Zielorientierung
    Wer nicht weiß, wofür er das tut, was er tut, kann auch nicht auf das Getane mit Stolz zurückblicken und sagen: ich habe es geschafft! Ist es das „Große Ganze“, was Sie erreichen wollen? Wie hoch sind Ihre Erwartungen an sich selbst? Mit welchem Gefühl möchten Sie abends ins Bett gehen? Dass Sie wieder einen „kleinen Schritt“ in die richtige Richtung gelaufen sind? Auch kleine Schritte können sehr befriedigend sein – wenn man sie wahrnimmt und wertschätzt.

 

Resilienz ist also der Aufbau einer inneren Stärke. Resilienz hat aber auch viel mit Wertschätzung zu tun, dem verantwortungsvollen Umgang mit sich selbst und anderen sowie dem Vermeiden einer lähmenden „Opferrolle“. Es geht um lösungsorientiertes Arbeiten, Flexibilität und den Mut, vielleicht auch etwas unkonventioneller zu denken, anstelle sich hinter seinen Scheuklappen zu verstecken und nur einen einzigen richtigen Weg zu sehen, der vielleicht nie funktionieren wird.
Der Umgang mit „externen Stressfaktoren“ hängt also am Ende hauptsächlich mit der inneren Haltung zusammen. Alles Weitere ist ein Managementproblem, denn natürlich kann ich meine Termine im 10-Minuten-Takt ohne Puffer oder Pause vergeben. Dann muss ich mich allerdings nicht wundern, wenn der Tag am Ende in Stress ausartet…

 

Im zweiten Teil gehen wir darauf ein, wie man sich Resilienz aneignen kann.

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