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Tiermedizin: Das stressigste Studium in Deutschland – Teil 1

Tiermedizin: Das Stressigste Studium In Deutschland – Teil 1

Teil 1: Stress als reales Problem im Tiermedizinstudium

Jeden Abend ausgehen, bis mittags schlafen und einmal im Semester in die Bücher gucken – diese klischeehaften Vorstellungen vom Studium sind mittlerweile überholt, wie verschiedene Studien beweisen. Die Studie vom AOK-Bundesverband[1] belegt, dass sich über die Hälfte der Studierenden gestresst fühlt und Tiermedizinstudenten dabei zu den am meisten gestressten gehören. Die Studie von Marc Dilly[2] untersuchte die konkrete Situation der angehenden Veterinäre und liefert als Ergebnis: 37% der Tiermedizinstudenten fühlen sich sogar so gestresst, dass sie ihre Gesundheit gefährdet sehen. 54% haben erniedrigte Ressourcen, um das Studium zu bewältigen – sprich Motivation, Lernwilligkeit und Ausdauer – man könnte von „Ausgebranntheit“ sprechen. Diese Zahlen sind erschreckend, doch spiegeln sie die Situation der Studierenden realistisch wider oder sind sie Ausdruck unserer heutigen „Mecker-Gesellschaft“?

Die Ursachen für Stress im Tiermedizinstudium

Für die meisten Studierenden der Tiermedizin sind die Ursachen für Stress hochschulbezogen, wie die Studie von Marc Dilly ergeben hat. Besonders die hohe Arbeitsbelastung, strenge oder unklare Anforderungen sowie eine hohe Anzahl an Prüfungen gehören zu den Hauptursachen[2]. Gerade nach einem anstrengenden Semester voll mit Testaten sehnt man sich in den Semesterferien nach Urlaub. Der wird einem allerdings nur selten vergönnt – es stehen weitere Prüfungen und Praktika an. Häufig machen auch unklare Prüfungstermine die Planung solcher Urlaubs- und Entspannungsphasen schwierig.

Dem gegenüber stehen die Probleme, die man mit sich selbst ausfechten muss, wie zum Beispiel zu hohe Erwartungen an die eigene Leistung oder Prüfungsangst. Viele angehende Tiermediziner haben lange Wartezeiten hinter sich oder einen eigentlich sicheren Job aufgegeben – das erhöht natürlich den persönlichen Druck. Das Gefühl, es unbedingt schaffen zu müssen, weil es keinen alternativen Plan mehr gibt, belastet Motivation und geistige Gesundheit.

Nennenswert ist auch die Stressbelastung durch den Studieneinstieg, kombiniert mit der Wohnungssuche und finanziellen Schwierigkeiten.[1] Besonders in Großstädten wie München oder Berlin kann sich die Suche nach bezahlbarem und uni-nahem Wohnraum über mehrere Semester hinziehen und so zu einer echten Tortur werden.

Nichtsdestotrotz fühlt man sich mit diesen Problemen häufig allein gelassen. Schildert man sie vor „fachfremden“ Bekannten, wird man eher belächelt. „Du bist doch StudentIn, so schlimm kann es ja nicht sein!“ – mit einem solchen Satz sah sich sicherlich schon der ein oder andere Veti-Studierende konfrontiert. Dann muss man sich für seine Probleme rechtfertigen, fühlt sich missverstanden – aber fragt sich auch, ob man seine persönliche Situation eventuell doch dramatischer einschätzt, als sie eigentlich ist.

Sind wir Studierende wirklich gestresster als Berufstätige?

Auch das haben bereits Studien ergeben. Nachgewiesenermaßen ist die Arbeitszeit mit einem Mittel von etwas über 31 Wochenstunden, die Studierende in der Universität verbringen, im Tiermedizinstudium im Verhältnis zu anderen Studiengängen hoch[2]. Trotzdem sollten die Datenerhebungen kritisch hinterfragt werden. Die Umfragen basieren auf freiwilliger Teilnahme. Wenn wir einmal ehrlich sind, würden auch wir vermutlich eher an einer solchen Umfrage teilnehmen, wenn wir unsere aktuelle persönliche Situation als besonders schlimm empfinden. Natürlich tut es uns dann gut, etwas Dampf abzulassen, auch mal zu jammern und ein bisschen bemitleidet zu werden. Trotzdem müssen wir irgendwann wieder zum Realismus zurückkehren.

Die Stress-Resilienz von Studierenden im Allgemeinen ist häufig nicht besonders gut, was bedeutet, dass aufkommender Stress schlecht verarbeitet oder „bekämpft“ wird – das verwundert nicht, in Anbracht des häufig jungen Alters und einer eher geringen Lebenserfahrung.  Zudem fühlen sich Studierende, die ihr Studium nicht in der Regelstudienzeit abschließen, gestresster, als solche, die die Regelstudienzeit einhalten[1]. Das lässt auf mangelnde Organisation schließen oder gegebenenfalls auch auf Ängste vor Fremdeinschätzung: Der/die war faul, daher hat er/sie länger gebraucht!?

Die Fähigkeit mit Stress umzugehen, sowie ein optimales Zeitmanagement und eine Lerndisziplin gehören zu den Kompetenzen, die wir im Studium erwerben. Schließlich soll dieses ein Lernprozess sein, der uns auf das Leben vorbereitet. Die Empfindungen von Stressbelastung sinken in der Regel mit zunehmendem Alter[2], was daran liegt, dass wir diese Fähigkeiten mit der Zeit immer weiter ausbauen und mehr Erfahrungen sammeln. Demnach ist es also völlig legitim, als Studierender Stress zu empfinden.

Kritische Selbsteinschätzung ist angebracht

Stress ist ein subjektives Empfinden, das von vielen Faktoren beeinflusst wird und die Gesundheit beinträchtigen kann – das soll an dieser Stelle nicht heruntergespielt oder gar als belanglos bezeichnet werden. Lang anhaltender Stress führt zu Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen und Lustlosigkeit. Die Motivation sinkt, man zweifelt an sich selbst und am Studium.

Es ist dennoch ratsam, sich selbst auch einmal kritisch einzuschätzen. Ist es vielleicht auch meine Schuld, dass ich im Moment so gestresst bin? Hätte ich mich vielleicht anders – besser, effektiver – organisieren können? Ist der Stresslevel, den ich empfinde, angemessen oder mache ich aus einer Mücke einen Elefanten?

Zuletzt sollte man sich auch die Frage stellen, ob die eigene Gesundheit und Leistungsfähigkeit beeinträchtigt ist. Habe ich Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme? Neige ich dazu, mehr Alkohol oder sogar härtere Drogen zu konsumieren? Spätestens wenn wir diese Fragen mit ja beantworten, ist es Zeit, nach Lösungen zu suchen. Mehr über Stresspräventions- und Reduktionsmaßnahmen gibt es im zweiten Teil zum Thema „Stress im Tiermedizinstudium“ zu lesen.

 

Über die Autorin:

Lisa Rogoll | privates Foto

Lisa Rogoll | Studentin der Tiermedizin

Mein großes Interesse an Tieren begleitet mich schon seit ich klein bin. Der Wunsch Tierärztin zu werden erst seit einigen Jahren.
In verschiedenen Praktika im Kleintier- und Großtierbereich erlebte ich das erste Mal ein Berufsbild, das ich mir für mein restliches Leben vorstellen konnte: mein Wunsch Tierärztin zu werden manifestierte sich. Nach meinem Abitur begann ich 2015 das Studium in Berlin und erlebe seither die alltäglichen Veti-Sorgen. Nach wie vor fasziniert mich die Vielseitigkeit des Studiums und des späteren Berufslebens, sodass ich mir keinen „Plan B“ vorstellen kann.

 

 

 

[1] „Studierendenstress in Deutschland – eine empirische Untersuchung“; Uta Herbst, Marcus Voeth, Anne Theresa Eidhoff, Mareike Müller, Sarah Stief; Herausgeber: AOK-Bundesverband

[2] „Untersuchungen zu Beschwerden, Belastungen und Ressourcen im Studium der Tiermedizin – eine Querschnittsstudie“; Marc Dilly, Johanna Hilke, Felix Ehrich, Katja Geuenich; Tierärztl. Umschau 69, 433-444 (2014)

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare
  1. […] Andauernde Gefühle von Stress (ob selbst verursacht oder von außen „auferlegt“) und das Arbeiten unter Zeit- und Leistungsdruck machen krank. Man hat das Gefühl, man kommt nicht mit der Erledigung der Aufgaben hinterher. Es beginnt mit mehr Kaffee, Energy-Drinks, weniger Schlaf und mündet in Phasen der Verzweiflung oder Blackout. Mit diesen Empfindungen werden nicht nur praktizierende Tierärzte während ihrer beruflichen Laufbahn konfrontiert. Auch Veterinärmedizinstudierende erfahren bereits früh, was es heißt, unter Stress zu arbeiten. […]

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